
Christophe Dumarest eröffnet neue Route am Mont Blanc du Tacul
Nachdem Christophe Dumarest in einem seiner zahlreichen Kletterführer für Mixed-Klettern eine unerschlossene Wand entdeckt hatte, machte er sich gemeinsam mit Symon Welfringer auf, um die Möglichkeiten einer neuen Route an der Ostwand des Mont Blanc du Tacul zu erkunden. Nach mehreren Anläufen und einigen Stürzen erreichte das Duo schließlich den Gipfel und taufte seine neue Route „Kairos“.
„Kairos“ ist ein griechischer Begriff, der sowohl den Alpinismus als auch die Gelegenheit, diese neue Route an der Ostwand des Tacul zu erschließen, perfekt auf den Punkt bringt: zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Ein paar Tage zuvor blätterte ich durch einen Mixed-Kletterführer und mir fiel die Lücke zwischen dem Jagger-Couloir und einigen der beliebtesten Eisschluchten des Massivs auf. Im alten Vallot-Führer folgt nur eine Route von Walter Cecchinel (1973) dem Ausläufer links von der Linie, die ich mir gerade vorstellte.

Als ich mit den Fellen unterhalb der Wand entlangging, fiel mir ein steiler und imposanter unterer Felsvorsprung auf. Darüber schien der Aufstieg lang und anspruchsvoll, unterbrochen von steilen Wänden und Abschnitten mit leichterem Gelände.
Trotz aller Ungewissheiten fand ich schnell einen Begleiter: Symon Welfringer.
Ein erster intensiver Tag bestätigte, dass unsere Intution richtig war. Die ersten fünf Seillängen durch den unteren Felsvorsprung machten uns zu schaffen. Die Risse waren steil, aber die Eispfosten waren solide und die Absicherung gut.

Voller Begeisterung raste Symon durch eine der technischen Passagen und zerbrach dabei eine Klemmvorrichtung. Das Ergebnis: In die Tiefe krachende Felsbrocken, die entweder von von Symon oder von unserem Seil losgelöst wurden und mich teilweise am Helm trafen. Damit nicht genug: Zweihundert Meter weiter oben in der Route wäre ich trotz unserer Wachsamkeit beinahe tödlich abgestürzt, als sich ein loser Felsblock unter meinen Füßen wegbrach.
Die Route war schwieriger und länger, als wir uns vorgestellt hatten. Aber das liegt in der Natur der Sache, wenn man eine neue Linie eröffnet. Deshalb war uns schnell klar, dass wir es nicht in einem einzigen Durchgang schaffen würden.

Ein paar Tage später kehrten wir trotz Neuschnee zur Wand zurück. Felsstufen und Mixed-Gelände folgten aufeinander bis zu einem prächtigen gelben Turm aus kompaktem Granit. Eine wunderschöne, ausgesetzte Seillänge verlangte volles Engagement. Doch wieder einmal war die Sicherung solide und ermöglichte ein ruhiges, selbstbewusstes Klettern.
Auf den letzten Metern stießen wir auf zwei Haken – Spuren der Pioniere, die 1973 diesen Weg genommen hatten.
Voller Freude erreichten wir nach einer Querung von etwa 700 Metern den Gipfelgrat. Ein magischer Moment und das Privileg, eine bislang unbegange Route von unten nach oben zu erklimmen – genau zum richtigen Zeitpunkt.

Dieser Gedanke, der sowohl der Zeit selbst, dem gegenwärtigen Augenblick als auch der Idee der Gelegenheit Tiefe zu verleihen scheint, ist genau das, was wir auf dieser Route am Tacul-Schultergipfel erleben durften, die wir neu getauft haben: „Kairos“.
Autor: Christophe Dumarest




